Christian geh‘ mal Lindnern!

Ja, er lebt noch! Christian Lindner ist noch immer Vorsitzender der FDP.

Sexy, smart, modern, lächerlich, inhaltslos – dies könnte eine Spannbreite der Gedanken sein, die den Menschen in den Kopf schossen, als sie im Bundestagswahlkampf 2017 erstmals Christian Lindners Wahlplakat sahen. „Denken wir neu“ war darauf zu lesen. Viele haben wohl sofort gedacht und aus seinem Plakat lustige Kopien gemacht. Der Mann, der dort in schwarz-weiß posierte war als Model oder als Parship-Werbung im Netz zu sehen.

„Digital first, Bedenken second“ stand auf einem anderen Plakat. Bedenken hatte wohl niemand in der Lindner-Kampagne. Nach einem Vorbild wie Macron in Frankreich versuchte Lindner sich zu inszenieren. Statt FDP nannte man sich nun häufiger „Freie Demokraten“. Klang eben besser, neue Farben, neue Slogans, aber wenig neuer Inhalt. Das Wahlprogramm von 2017 war im Vergleich zu 2013 zwar hübscher, aber nicht viel anders.

Jung, modern, blond: Messias Lindner

Trotzdem kann und muss man vor dem Herren aus Nordrhein-Westfalen den Hut ziehen. Schließlich war er der Retter, der seine Partei nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 und dem drohenden Untergang auch in vielen Bundesländern über vier Jahre lang Stück für Stück wieder zurück in die Öffentlichkeit brachte. Kurz vor der Bundestagswahl 2017 schaffte er es sogar als Spitzenkandidat seiner Partei in NRW mit einem starken Ergebnis in den Landtag einzuziehen und anschließend dort in eine schwarz-gelbe Koalition zu gehen.

Auch bei der Bundestagswahl, erneut als Spitzenkandidat, fuhr er mit seiner Partei ein überragendes Ergebnis nach vier Jahren Abstinenz ein. 10,7 % im Vergleich zu 4,8 % 2013 konnten sich durchaus sehen lassen. Da die SPD direkt am Wahlabend die Wiederauflage einer erneuten großen Koalition (vorerst) ablehnte, war die FDP plötzlich in der Verantwortung, die Lindner vor der Wahl entschlossen lange von sich schob. Doch durch den Einzug der AfD und einem erheblichen Verlust der beiden Unionsparteien war eine schwarz-gelbe Koalition im Bund nicht möglich.

Schneller Aufstieg, schneller Abgang

Nach schleswig-holsteinischem Vorbild sollte eine Jamaika-Regierung entstehen. Dafür sondierten CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP schließlich über vier Wochen. Dann jedoch machte Lindner einem seiner Wahlplakat-Sprüche alle Ehre: „Warten wir nicht länger.“ Gemäß diesem Motto verließ der Parteichef kurz vor dem Abschluss der Sondierungen mit seinem Team die Verhandlungen und verkündete nachts vor der Kamera prompt: „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

Die anderen Parteien seien nicht zu Zugeständnissen bereit gewesen, ließ die FDP verlauten. Zudem wolle man seine eigenen Inhalte nicht unter Wert verkaufen. Von wenigen gefeiert für die klare Kante, von vielen verachtet für die Art und Weise, mit der die Partei nach über vier Wochen eine mögliche Regierung vorzeitig zum Scheitern brachte, steht die FDP heute irgendwo zwischen den Stühlen. Vorne weg geht noch immer ihr Chef, Christian Lindner. Nur so smart wie er einst auf Wahlplakaten aussah, sieht er heut schon längst nicht mehr aus. Leicht verbraucht gibt er Interviews, sitzt in Talkshows wie zuletzt bei Anne Will am vergangenen Sonntagabend. Seine Argumente längst nicht mehr so klar wie vor der Wahl, seine Wortbeiträge nur noch dafür da, um sich irgendwie Publikum zu verschaffen.

Zeit für neue Gesichter in der FDP

Christian Lindner ist am Ende, zumindest politisch. Ein Mann, der das Regieren scheut, weil er das Kernprinzip von Koalitionen nicht verstand und das Land damit in eine mittlere politische Krise stürzte, ist niemand der sich hoher Zustimmung erfreut. Ein Mann, der nun die SPD kritisiert, die notwendigerweise in die Bresche springen musste, zugleich aber erklärt, es wären dieselben Ergebnisse zwischen Union und SPD, die auch die Jamaika-Verhandler erzielt hätten, gleicht nur noch einer Witzfigur.

Acht magere Prozentpunkte bescheinigt die letzte Forsa-Umfrage vom 21.01.2018 der FDP für den Fall, dass am Sonntag Bundestagswahl wäre – unwahrscheinlich ist das übrigens nicht, sollten die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Union doch noch scheitern. Für diesen Fall sollte sich die FDP auch langsam nach einem Nachfolger umsehen oder Christian Lindner mal wieder zum Frisör schicken und ihm mehr Schlaf verordnen. Eine Brille würde ihm möglicherweise auch stehen. Aber genügt das, um die Partei nochmal nach vorn zu bringen? Eher nicht!

Jonas

(22) aus der schönen Hansestadt Bremen schaut lieber Bundestag als Bundesliga. Er hat die Briskly-Familie als Papa zusammengeführt und verfolgt seitdem 24/7 nur ein einziges Ziel: Make Journalism Great Again!

2 Gedanken zu „Christian geh‘ mal Lindnern!

  1. „Ein Mann, der das Regieren scheut, weil er das Kernprinzip von Koalitionen nicht verstand und das Land damit in eine mittlere politische Krise stürzte, ist niemand der sich hoher Zustimmung erfreut.“ – Ein Mann der zu seinem Parteiprogramm steht. Wer sich die Sondierungsergbnisse durchgelesen hat, kann sehen das dort kaum Liberale Inhalte durchkamen. Natürlich kann man nie alle Inhalte durchbringen, doch wenn es zu wenig sind lohnt sich eine Regierungsbeteiligung nunmal nicht!

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