Diese Woche bei H&M: Racial Insensitivity für €8.99!

Über die Insensibilität einer Modewelt.

Wir alle haben ihn gesehen. Den kleinen Jungen mit afrikanischen Wurzeln, der lässig in einem grünen Pullover mit der Aufschrift „coolest monkey in the jungle“ posiert. Cool, auf jeden Fall, aber „monkey in the jungle“? „Moment, das ist doch politisch inkorrekt“, hat sich wahrscheinlich jeder Mensch gedacht, der dazu fähig ist rational zu denken.

Das hat H&M wohl nicht erwartet

Es genügte nur eine ausreichende Internetverbindung und ein internettaugliches Gerät, um zu sehen, welche heftige Debatte sich in den sozialen Medien diese Woche aufgrund einer H&M-Werbung entwickelte. Angefangen von The Weeknd (welcher sogar seine Partnerschaft mit H&M als Folge beendete) bis hin zu Diddy und LeBron James – zahlreiche Berühmtheiten haben sich dazu entschieden ihre Plattform auszunutzen um zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Zu Recht, da die Mehrheit von ihnen ebenfalls dunkelhäutig ist. Und Tatsache ist, sie unterstellen alle H&M Rassismus.

Aber ist der Shitstorm, den H&M in den letzten Tagen erlebt hat und der immer noch wütet, berechtigt? Oder doch eher übertrieben?

„Kein Rassismus!“

Ein Argument, dass die Vorwürfe gegenüber dem schwedischen Textilhandel widerlegen soll, ist die Tatsache, dass H&M viele Models einstellt die People of Color sind. Vor allem Dunkelhäutige sind keinesfalls unterrepräsentiert. „Misrepräsentiert“ sollen sie durch diesen Skandal auch nicht sein, mit der Begründung, dass beispielsweise ein weiteres dunkelhäutiges Kind einen Pulli mit der Aufschrift „Team Dino“ trägt. Laut vielen Menschen sei also alles halb so wild, H&M verfolge keine böse Absicht.

Auch die Mutter des Kindes findet die Gegenreaktion sehr übertrieben und veröffentlichte sogar einen Facebook-Post in dem sie sagt, Protestierende sollten über diese Kontroverse hinwegkommen. Ob das Geld, was sie durch ihr Kind verdient, einen Einfluss auf ihre Aussage hat bleibt erstmal nur eine Vermutung.

Neben diesen verschiedenen Argumenten tauchten immer wieder neue – meiner Meinung nach erstaunliche – Behauptungen auf: Rassistisch seien doch die, die selber diesen Zusammenhang zwischen Affen und Dunkelhäutigen sehen. Vor allem seien Affen doch so süß! Dunkelhäutige die sich beschweren seien demnach rassistisch gegenüber ihnen selbst und zusätzlich auch noch affenfeindlich. Und ganz ehrlich, wenn aber ein weißer Junge diesen Pulli getragen hätte…

Und genau hier höre ich auf ….

… Weißen bei diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken. Denn genau diese Aussage führt zu folgendem Phänomen: Weiße, die alles in Anspruch nehmen wollen. Sogar Rassismus.

Dass gerade Afrikanerinnen und Afrikaner eine dunkle Vergangenheit haben wissen anscheinend manche nicht, oder es wird ganz einfach unter den Teppich gekehrt. Natürlich sind Affen coole Tiere – jedoch wurde der Begriff „Affe“ in der Zeit der Sklaverei als eine gelegentliche Beleidigung gegenüber Dunkelhäutigen verwendet. In dieser Zeit wurden sie nicht nur beleidigt und versklavt, Frauen wurden zu sexuellen Handlungen gezwungen und es entstanden sogar bis zum 20. Jahrhundert „Menschenzoos“, in denen vor allem afrikanische Menschen zur Schau gestellt wurden wie Tiere.

Und trotzdem wird plötzlich so getan, als wäre die Bezeichnung „Affe“ gegenüber Dunkelhäutigen total „weithergeholt“ und „zusammenhangslos“, als hätte man Afrikanerinnen und Afrikaner in den letzten Jahrhunderten nie so bezeichnet und behandelt. Dabei ist dieser Zusammenhang, der zwischen Dunkelhäutigen und Tieren, genauer gesagt Affen, hergestellt wurde, immer noch tief in den Gedankengütern vieler Menschen verankert. So wurde im Jahr 2014 der guineische Fußballspieler Kevin Constant während einem Spiel mit einer Banane beworfen. Auch Papakouli Diop, ein Fußballspieler mit ebenfalls westafrikanischen Wurzeln erlebte einen ähnlichen rassistischen Vorfall. Ein Zuschauer äffte ihn nämlich als Affen nach.

Dass eine dunkelhäutige Person bei dieser Aufschrift nun negativ reagiert, scheint wohl doch nicht so abwegig zu sein. Diese Beleidigung ist nun nämlich für immer verfestigt in ihren Erinnerungen.

Der weiße Junge, der den Dschungel überlebt

Wenn aber ein weißer Junge oder ein weißes Mädchen diesen Pulli getragen hätte, dann wäre es keineswegs rassistisch gewesen. Warum? Weil weiße Menschen nicht die selbe Geschichte teilen, weil sie auch heute keine systematische Unterdrückung (jedenfalls im Westen) erleben und auch nie erfahren werden, wie es ist, aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt zu sein. Und auch diese Aussage ist nicht rassistisch. Tatsache ist, dass sie überlegen und privilegiert sind. Sie gehören keiner Minderheit, sondern der Mehrheit an.

Über den weißen Jungen muss man sich also wirklich keine Sorgen machen, denn er ist nicht der „coolest monkey in the jungle“, sondern ein „jungle survivor“. Er ist laut H&M ein Mensch, kein Affe. Ja, man glaubt es kaum, der Kleine hat den gefährlichen Dschungel, in dem sich der coolste Affe ever aufhält, überlebt!

Vielleicht kein Rassismus, aber Racial Insensitivity

Beabsichtigt oder nicht – Fakt ist, dass H&M nun den Ball erstmal flach halten muss um nicht komplett in die Brüche zu gehen. Denn nun haben Mitglieder der südafrikanischen Oppositionspartei „Economic Freedom Fighters“ ein H&M-Geschäft in Johannesburg verwüstet. Natürlich mag diese Form von Protest total überzogen sein. Trotzdem sollten Nicht-Dunkelhäutige keineswegs das Recht dazu haben, zu entscheiden, wie sich Dunkelhäutige darüber fühlen sollten – insbesondere ohne jegliche Ahnung über die Geschichte. Eher sollte man der betroffenen Minderheit zuhören und versuchen, Empathie aufzubauen.

Eine extrem rassistische Absicht kann man H&M im Großen und Ganzen zwar nicht unterstellen, dafür aber Insensibilität. Auch wenn die Werbung nun zurückgezogen wurde, das H&M Marketing-Team muss sich eins hinter die Ohren schreiben: Lieber zweimal nachdenken, bevor man postet!

Esra

(20) studiert Lehramt in Aachen und hat sich der jungen Kultur verpflichtet. Da man auf der Welt mit Englisch am weitesten kommt und sie die Sprache auch studiert, textet sie bei Briskly auch auf Englisch.

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