Endstation für Schulz-Zug

Irgendwo zwischen Brüssel, Würselen und Berlin lag wohl ein Stein auf der Schiene. 

„Es ist schön zu sehen, dass das Willy-Brandt-Haus in so guter Stimmung den Auftakt beginnt“, freute sich Martin Schulz noch am 29. Januar 2017 in seiner Antrittsrede als SPD-Spitzenkandidat. Euphorisiert stand er dort am Rednerpult, lächelte, betonte seinen Kampfgeist, freute sich über den langen Applaus der einfach nicht abebben wollte. Im Hintergrund waren junge Menschen zu sehen. Jene Menschen, die auch nach seiner Verkündung reihenweise in die Partei eintraten.

Genau ein Jahr ist vergangen, seit Martin Schulz diese Rede hielt. Ein Jahr, in dem viel passiert ist. Denn seit seiner Antrittsrede und den Wochen des sogenannten Schulz-Hypes, indem der sogenannte Schulz-Zug alles überfuhr, begann schließlich auch der Wendepunkt, den ein jeder Politiker irgendwann erfährt. Es ist der Punkt, an den sie alle kommen und merken, dass der Zenit ihres Wirkens längst vergangen ist. Die Momente, in denen sich Fehlentscheidungen reihen und der Missmut immer größer wird.

„Wir werden die Wahlen in diesem Jahr richtig spannend machen“, versprach der prophezeite Gott-Kanzler noch im Januar letzten Jahres vor seinen Anhängern. Doch Spannung kam im Wahlkampf nur selten auf. Eine Reihe von taktischen Fehlern wurde begangen, Landtagswahlkämpfe verloren – darüber wurde hinlänglich berichtet.

So wie die Umfragewerte nach oben schnellten, flachten sie auch mindestens genau so schnell wieder ab. „Ich möchte Bundeskanzler werden“, bekräftige Martin Schulz dennoch unermüdlich in jedem Interview. Diese Parole erzeugte beinahe Mitleid, war jedoch noch eher erträglich als „bei mir in Würselen, da kenne ich die Probleme meiner Nachbarn“.

„Ich möchte in diesem Jahr Wahlen gewinnen: erst im Saarland, dann in Schleswig Holstein, in NRW und schließlich im September im Bund“, war die Ankündigung vor einem Jahr. Die Bilanz: Alle verloren!

Heute sieht die Lage ein klein wenig verändert aus: Die SPD hat das schlechteste Bundestagswahlergebnis seit der Nachkriegszeit eingefahren. Trotz zweimaliger Parole, der Platz der Partei sei in der Opposition, steht sie nun doch wieder vor einer erneuten großen Koalition. „Ich werde nicht als Minister in ein Kabinett von Angela Merkel eintreten“, hat Schulz auch einmal gesagt und nun steht er dennoch kurz davor.

Vor Parteitagsdelegierten warb er für ein „Ja“ zu Koalitionsverhandlungen. Müde, ja beinahe schon zehn Jahre älter sah er aus im Vergleich zum 29. Januar 2017. Kraftlos, ohne richtigen Antrieb. Weg ist sie, die Euphorie. Dabei glaube er, so sagte er noch in einer Sendung bei Anne Will, dass man aus dem Parteitag gestärkt hervor gehe. Er klebt an einem Stuhl den er, so wirkt es fast, gern wieder los werden würde. Die zweite Reihe scharrt unterdessen schon still und heimlich mit den Füßen. Die Rufe nach mehr Frauen in der Führungsspitze der SPD werden lauter.

Er ist eben nicht Bernie Sanders, der die Massen nachträglich polarisierte, sondern Martin Schulz aus Würselen. Ein Bürgermeister, der sein Amt durch den Bau eines Freizeitbades verlor. Die neue Generation der Politik, die er einst vertreten wollte, repräsentiert er heute nicht mehr. Beinahe tut er einem fast schon wieder leid, wenn man bedenkt, dass er nun vier Jahre überstehen muss, bevor er in Rente gehen kann und später womöglich für einen weiteren Absturz der Partei verantwortlich gemacht werden wird.

Bis dahin wird er wohl auch noch in weiteren Interviews um Worte ringen, Kunstpausen einlegen, Gerechtigkeit heraufbeschwören oder müde aussehen. Endstation für den Schulz-Zug!

Jonas

(22) aus der schönen Hansestadt Bremen schaut lieber Bundestag als Bundesliga. Er hat die Briskly-Familie als Papa zusammengeführt und verfolgt seitdem 24/7 nur ein einziges Ziel: Make Journalism Great Again!