Kollegah und Reinhard Mey – Zwei moderne Poeten

Deutschland hat schon viele berühmte Dichter und Poeten hervorgebracht. Goethe, Schiller, Heine oder Brecht – sie alle haben die deutsche Literatur geprägt. Doch gibt es heute auch noch wirkliche, lebende Poeten? Sehr wohl und sie könnten unterschiedlicher nicht sein!

Seit Ende der 1960er Jahre ist Reinhard Mey fester Bestandteil der deutschen Musik. Eingängige Melodien, aussagekräftige Texte und punktgenaue Reime machen ihn zu einem großen Poeten. Kollegah macht komplett andere Musik und hat eine weitaus kürzere Karriere hinter sich. Dennoch sind seine Vergleiche und Punchlines moderne Poesie.

Reinhard Mey: Rebell, Poet und Comedian

Jeder kennt „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. Ein Lied über Freiheit und die Dinge, die wirklich wichtig sind. Reinhard Mey hat eine große Vielfalt an Themen, über die er singt. „Männer im Baumarkt“, Kühe auf der Autobahn, seine Kinder, Todesanzeigen, es gibt nichts, was nicht schonmal irgendwo in seinen Liedern besungen wurde. Seine Reime sind präzise und die Texte ausgefallen. So schafft er es beispielsweise den Ausdruck „Der Mörder ist immer der Gärtner“ durch sein gleichnamiges Lied in den deutschen Sprachgebrauch zu etablieren. Lieder wie „Ich bin Klempner von Beruf“ oder „Irgendein Depp bohrt irgendwo immer“ sind einfach urkomisch und haben trotzdem eine Message. Denn Mey ist Systemkritiker und Meinungsgeber. Viele seiner Lieder kritisieren oder stellen in Frage. Ein Beispiel der Sprachgewandtheit Mey’s und gleichzeitig eine Kritik an den Bürokratiestaat Deutschland ist das Lied „Erteilung eines Antragsformulars“ mit dem Refrain:

„Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt.“

Eine Warnung an die Bürger, wenn es um Wahlen oder politische Entscheidungen geht ist das Lied „Sei wachsam“:

„Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein! Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!“

In „Was in der Zeitung steht“ wird die Presse und die Naivität der Leser kritisiert:

„Was woll‘n Sie eigentlich?“ fragte der Redakteur,
„Verantwortung, Mann, wenn ich das schon hör‘!
Die Leute müssen halt nicht alles glauben, nur weil‘s in der Zeitung steht!“

Reinhard Mey schafft es für jeden die passenden Worte zu finden und nach über 50 Jahren Musik ist so gut wie jedes Thema besungen worden, sei es „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“, die gute Fee oder der „bunte Hund“. Seine Kreativität und die perfekten Reime machen Reinhard Mey zu einem der größten Poeten der heutigen Zeit.

Poesie und Vergleiche in deutschem Gangsterrap

Deutscher Proll-Rap von einem Schlägertypen, der mit Drogen erwischt wird und dies in seinen Liedern feiert, ist vielleicht nicht das erste, woran man bei Poesie denkt. Schaut man sich Kollegah’s Texte aber mal genauer an, gerät man schnell ins Staunen. Allein auf seinen neusten Alben „Imperator“ und „Zuhältertape 4“ sind viele literarische Meistervergleiche zu finden. Einfache Wortspiele wie „Ich smoke Ott in meiner Villa, doch für’s Drehen lass ich Diener beauftragen (die Narbe auftragen), wie Harry-Potter-Maskenbildner“ oder „Und du denkst, dein Umsatz wäre echt spitze, doch der Boss findet das wenig („w“ nicht) wie ’ne unfähige Tippse“, findet man bei dem gebürtigen Hessen sehr häufig und oft muss man ein wenig um die Ecke denken, um einen Vergleich zu verstehen. So musste Kollegah selber schon Vergleiche auf Facebook erklären, weil sie in den Medien falsch gedeutet wurden. Ein meisterliches Zitat und eine unglaublich literarisch wertvolle Zeile, ist ein Vergleich aus „Angeberprollrap Infinity“ aus dem Album „Zuhältertape 4“:

„Also glaub nicht, dass du Hund hier ’n Aufreisser wirst („Hundhirn auf Reis servierst“), wie ’n Chinaimbiss.“

Große Poesie!

Rapper töten mit Homophonie

In „Mörder“ spielt Kollegah auf ganz andere Art und Weise mit der deutschen Sprache. Wikipedia sagt: „Ein Homophon ist ein Wort das die gleiche Aussprache wie ein anderes mit unterschiedlicher Bedeutung hat“. Dieses Stilmittel findet man in den Zeilen:

„Ich zieh‘ die Headgun, zersieb‘ zehn Rapper
Ach, was sag‘ ich, ich zersieb‘ siebzehn Rapper
Zersieb‘ siebzig Rapper, ich kann sie gar nicht mehr zählen
Sagen wir’s einfach so, Kid:
Ich zersieb‘ zig Rapper“

Von Kollegah und den Themen und Texten seiner Lieder lässt dich halten, was man will, doch die literarische und poetische Hochwertigkeit muss hier anerkannt werden.

Diversität belebt Poesie und Sprache

Reinhard Mey kann überdurchschnittlich reimen und ist kreativ, was die Themen und den Inhalt seiner Texte angeht. Die Inhalte der Texte Kollegahs sind weniger nachhaltig und wertvoll, seine sprachliche Gewandtheit und seine Wie-Vergleiche hingegen sind „bosshaft“. Mey und Kollegah sind so unterschiedlich wie man nur sein kann. Dennoch wissen beide mit der deutschen Sprache umzugehen und lassen sich durchaus als moderne Poeten bezeichnen.

Für einige Menschen mag die Sprache verfallen, doch wenn man genau hinsieht, kann man auch heute noch selbst in der immer gleichen Musik sprachliche Meisterwerke finden. Reinhard Mey und Kollegah sind beide Storyteller, denen man gut zuhören kann. Deutschland braucht mehr von beidem!

Marco

hat irgendwas mit Medien an der Küste studiert und lebt nun in Hamburg, um in der Stadt seiner Träume eine Ausbildung zu absolvieren. Wer auf der Suche nach einem lustigen Spruch ist, ist bei ihm genau an der richtigen Adresse.

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