Näschter Halt… Eine Ode an den Osten.

Im Osten geht die Sonne auf. Und tatsächlich, sie tut es. Es ist etwa 07:55 Uhr und am Himmel erscheint ein roter Strich. Kurz vor Helmstedt. In der Deutschen Bahn.

Als es hinter Helmstedt schnell heller wird, wird es ersichtlich: Der Osten. Vor 1989 war es noch unvorstellbar, dass ein Zug einmal zwischen West und Ost frei verkehren kann, ohne langen Aufenthalt an der innerdeutschen Grenze und grimmigen Polizisten. Heute denkt kaum noch jemand daran, wenn er von Bremen nach Halle (Saale) fährt.

Zwischen zwei früheren (?) Welten

Doch macht sich der Osten trotzdem bemerkbar. Als es hinter Helmstedt schließlich hell ist und die Bahn weiter in Richtung Magdeburg rollt, blüht sie auf, die Landschaft Sachsen-Anhalts. Hier Stromoberleitungen über hügelige grüne Landschaften hinweg, hier die Plattenbauten-Ausläufer, vor ein paar Jahren grundüberholt und mit einem neuen Anstrich versehen. Dort die Schrebergärten in voller Pracht. Jeder einzelne eine eigene Fahnenstange. Hier mal ein Fußballverein, oftmals die Flagge des Landes oder der Republik. Ein Zeichen der braunen Kultur? Schließlich Solaranlagen auf freiem Feld, Windenergie in Hülle und Fülle.

Guten Morgen Sachsen-Anhalt, im Land der Frühaufsteher. Vor nun mehr als 22 Jahren bin ich hier geboren, im ehemaligen Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik. Beim Zählen der Windkraftanlagen komme ich immer wieder durcheinander. Hier und dort taucht mal ein kleines, unscheinbares Dorf auf. Hin und wieder fährt der Zug ein wenig hinab, umgeben von einem aufgeschütteten Wall links und rechts. Hier soll man nicht sehen, was sich dahinter verbirgt. Das Auge fährt mit.

Schrebergärten, Plattenbau, Windenergie – blühende Landschaften sehen anders aus

Aus meinen Gedanken werde ich geweckt: „Meine Damen und Herren der näschte Halt isch dann Magdeburch Hauptbahnhof. Hier ham se Anschluss an einen Interzitti nach…“. Ein Gefühl der Heimat macht sich breit. Ich lache drüber, verfalle wenige Stunden später dennoch in den Slang, den Regionaldialekt. Bitte kein sächsisch, wir sind in Sachsen-Anhalt. Hier spricht man Sachsen-Anhaltinerisch und das unterscheidet sich genauestens von sächsich oder dem Dialekt in Thüringen. In Halle (Saale) wurde ich geboren. Heut ist die Stadt nur noch bekannt durch eine Schokoladenfabrik und eine von zwei Universitäten des Bundeslandes. Das Umland überzeugt durch eine gute Weinanbauregion. Mehr ist nicht. Das Attraktive an diesem Bundesland? Es ist gerade diese Unattraktivität.

Sachsen-Anhalt ist eine Baustelle und das nicht nur politisch, nachdem die AfD bei der letzten Landtagswahl hier ein viel zu gutes Ergebnis einfuhr und damit auf Platz zwei vor Die Linke und SPD landete. Wenn in Sachsen-Anhalt eine Straße gesperrt wird, dann steht dort auch ein Schild: Umleitung ist darauf zu lesen. Soweit wie gewohnt. Doch im Anschluss wird diese Umleitung nie wieder angezeigt werden.

Zweitstärkste Kraft AfD – was ist los mit den Menschen?

Aufgewachsen bin ich an der Nordsee. Ich bin ein Deichkind durch und durch. Dennoch sind die Erinnerungen an die Kindheit geprägt von Besuchen bei Verwandten und Bekannten. Da ist vor allem diese unbeschwerte Freundlichkeit, nachdem der „Enkel von drüben“ begrüßt wurde. Da ist auch der graue Putz der von den Häusern bröckelt und wenig Geld, was nur an wenigen Orten investiert wird. Stuttgart21 in Baden-Württemberg, BER in Berlin. Großbaustellen die nicht fertig werden. In Sachsen-Anhalt, dem Land mit dem Bären auf dem Landeswappen, gibt es einige davon im kleinen Stil.

Doch noch immer oder trotz alledem ist dort eine Heimatliebe für dieses Stück Erde im Osten der Republik. Wenn im Land der Frühaufsteher die Sonne aufgeht, geht in mir das Herz auf. Was ist Heimat und wo fühle ich mich zugehörig? Was ist Zuhause? Und wann kommt man an? Fragen, die sich nicht auf eine einfache Art und Weise beantworten lassen.

Im Land der Burgen wirkt die Welt noch entschleunigt, da schließen die Supermärkte noch pünktlich 18 Uhr. Sachsen-Anhalt ist nicht hässlich, es ist nur anders schön. Die Menschen sind heute nicht unzufrieden, weil sie unzufrieden sind; eher sind sie das Produkt einer Deutschen Einheit, die keine Vereinigung war, sondern vielmehr eine Angleichung eines Systems an ein anderes. Wenn von heute auf morgen die Läden schließen, neue aufmachen, das Geld von gestern nicht mehr gültig ist und sich ein System komplett wandelt, von dem nicht alles nur positiv für die eigene Situation ist, so lässt sich dieser Prozess schon mit einer Prise Unglück beschreiben. Und so lässt sich die Unzufriedenheit einiger Menschen nachvollziehen, die hiergeblieben sind. Viele sind gegangen. Besonders die jungen, es mangelt an Perspektiven. Die Folge: Es wird immer leerer im Land. So wie das abgepumpte Freibad, welches bei der Abfahrt aus Magdeburg neben der Strecke zu sehen ist.

Land und Menschen im Wandel

Andererseits ist links der Strecke auch eine top ausgebaute Sportstätte. Denkt man an Leistungssport, so sind Zentren wie Magdeburg, Leipzig oder auch Ost-Berlin noch heute richtungsweisend. Es ist nicht alles schlecht, aber es gibt viel Potenzial, um einiges besser zu machen.
So freue ich mich auf meinen Besuch als ich gerade zwischen Köthen und Halle bin. Es ist 09:45 Uhr, die Sonne wirft noch immer ihren hell-orangenen Schatten zwischen Himmel und Erde. Die grünen Felder nehmen Überhand. In der Ferne ein Kohlkraftwerk, man sieht den Rauch in den Himmel steigen.

Ein kurzer Besuch in der Vergangenheit geht zu Ende

Als ich zwei Tage später wieder fahre ist es bereits dunkel. In umgekehrter Reihenfolge geht es wieder in den Norden. Die deutsche Bahn ist ein Phänomen, verbindet Städte quer durchs Land von Nord nach Süd und Ost nach West. Sie verbindet in gewisser Weise, doch die Grenzen sind dennoch gut sichtbar.

Ich verlasse nun Sachsen-Anhalt. Hier bin ich geboren, habe kaum hier gelebt und komme doch immer wieder zurück. Hier sagt man „Juten Tach“ statt „Guten Tag“ oder „Moin“. Bleib wie du bist, heimliche Heimat!

Jonas

(22) aus der schönen Hansestadt Bremen schaut lieber Bundestag als Bundesliga. Er hat die Briskly-Familie als Papa zusammengeführt und verfolgt seitdem 24/7 nur ein einziges Ziel: Make Journalism Great Again!

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