Vero – diesmal aber „true social“

Mal wieder befindet sich ein soziales Netzwerk auf dem besten Weg zum Weltruhm – wie vor ihm auch schon andere Riesen wie Snapchat, Facebook und 1996 der erste Multi-User-Messaging-Dienst ICQ. Und doch soll bei Vero alles anders sein.

Filterblase, auf die Nutzer angepasste Algorithmen, nervige Werbung. Das sind wir alles schon gewohnt. Spätestens, seitdem Facebook eine immer mächtiger werdende Monopolstellung im Social-Media-Business einnimmt. Dabei hat es auch seine Vorteile: Wir bekommen nur das angezeigt, was uns schon immer interessiert hat und so wahrscheinlich auch in Zukunft interessieren wird. Gut, die nutzerbasierte Werbung will eigentlich keiner. Aber was soll’s: kostet ja nichts.

Die soziale Revolution wartet – leider nicht zum ersten Mal

Mit all dem soll, wenn es nach Vero-Betreiber Ayman Hariri geht, jetzt Schluss sein. Der Sohn des 2005 verstorbenen libanesischen Ministerpräsidenten al-Hariri träumt von einem „echten soziales Netzwerk“, in dem der Nutzer seine Beiträge endlich wieder in chronologischer Reihenfolge vorgesetzt bekommt. Weg mit allen Algorithmen und den „Das könnte dich auch interessieren“-Beiträgen. Stattdessen soll die Freundesliste in Gruppen unterteilt werden, um die Publikation von Beiträgen besser zu steuern und festzulegen, welche Beiträge man selbst sehen möchte. Jeder kann theoretisch alles sehen – wenn er nur weit genug nach unten scrollt. Von Werbung soll man dabei laut der Vero-Gründer nicht mehr gestört werden. Das Prinzip, Beiträge chronologisch anzuzeigen, ist aber jetzt nicht gerade eine Innovation. Auch Facebook, Twitter und Co. setzten anfangs dieses Prinzip – bevor Algorithmen und nutzerbasierte Werbung für die Unternehmen einfach zu lukrativ wurden.

Finanziell dürfte das aufstrebende soziale Netzwerk wohl trotz des Verzichts auf Werbung nicht in Bedrängnis kommen; und das nicht nur, weil Hariri auf ein milliardenschweres Erbe setzen kann. Mit Vero will Hariri die kostenpflichtigen Netzwerke salonfähig machen und seine Nutzer über Abonnements regelmäßig zur Kasse bitten. Und da wäre er dann: der kleine, aber feine Unterschied.

Trotz dieser für viele Nutzer abschreckend klingenden Meldung scheint Vero momentan den Zahn der Zeit zu treffen – wie aus dem Nichts springt die App auf Platz eins der Apple-Charts für kostenlose Downloads. Innerhalb der letzten Woche werden über eine Million User registriert. Das Bizarre: die App gibt es bereits seit 2015. Der Erfolg in den ersten Jahren sei laut Google und Apple nicht messbar. Wo kommt er also her, der plötzliche Hype?

Die Antwort ist denkbar einfach: Man hat die eigentlich verachtete Werbetrommel gerührt. Aber natürlich nicht selbst. Das haben Andere übernommen, genauer gesagt sogenannte Influencer, die in den verschiedenen gängigen sozialen Netzwerken (Facebook, Instagram, Twitter & Co.) Followerzahlen in Millionenhöhe auf sich vereinen können. So zum Beispiel der kanadische Sänger Christian Collins, der eine Partnerschaft mit Vero abgeschlossen hat. Und schon ist er da: der herbeigesehnte Schneeballeffekt.

Die werbetreibenden Unternehmen wären die größten Verlierer

Eigentlich ironisch, dass ausgerechnet Personen für etwas Werbung machen, was Ihnen langfristig das Genick brechen könnte. Denn die sagenumwobenen Influencer und vor allem die Unternehmen, die oft hinter ihren Vorzeige-Gesichtern stehen und ihre Produkte bewerben möchten, dürften wohl die größten Verlierer eines werbefreien Netzwerks sein. Denn statt den allseits bekannten gesponserten Posts ist nur noch  das sogenannte „Influencer-Marketing“ möglich. Das sind Beiträge, die ausschließlich über die Kanäle der Influencer laufen und nicht mehr wie bisher über die Kanäle der Unternehmen selbst. Und das könnte für einige wohl kräftig Reichweite kosten.

Genau das könnte Vero wohl langfristig doch nur zu einer Randerscheinung werden lassen: Durch den fehlenden Erfolg werden werbetreibende Unternehmen und in langfristiger Konsequenz auch ihre prominenten Werbe-Gesichter die Finger von dem Netzwerk lassen. Damit wäre der Effekt zerstört, mit dem Vero überhaupt erst auf der Bildfläche erscheinen konnte. Privatpersonen mögen die Plattform zusammen mit ihrem begrenzt großen Freundeskreis vielleicht benutzen wollen – der massenwirksame Erfolg bleibt aber wohl eher aus. Dafür ist die Möglichkeit der Vernetzung zu gering. Und dann ähnelt die Struktur des Feeds eher der WhatsApp-Gruppe einer Clique als einem Big Player unter den sozialen Netzwerken. Vielleicht fehlt den Machern ja der Blick. Der Blick und die Erfahrung, ein „echtes soziales Netzwerk“ zu erschaffen, das den Anforderungen der heutigen Nutzer gerecht wird.

Simon

ist ein absoluter Radio-Freak und mit 18 Jahren der Jüngste in der Briskly-Redaktion. Angefangen bei einem Krankenhausradio schlängelt er sich aktuell durch die regionale Radio-Landschaft in seiner Heimatstadt Mainz; in der Hoffnung, es dann nach einem Studium zu den Big Playern des Radio-Geschäfts zu schaffen. Sein Lieblingsgenre ist das Interview, bei dem es auch gerne mal um das große Ganze gehen kann - bei Briskly werdet ihr von Simon viel aus den Bereichen Politik und Gesellschaft sowie den neuesten Entwicklungen in der Medienlandschaft lesen.

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