Warum ich 2018 noch immer wütend bin

Liebes Tagebuch, ich bin wütend.

Es ist nicht diese kindische Art des wütend seins, bei der man früher auf dem Spielplatz sein unfaires Gegenüber mit Förmchen bewerfen oder die Sandburg zertreten wollte. Vielmehr scheine ich von einer Art Wut befallen zu sein, die sich mit Kummer ins Herz frisst, lähmende Schmerzen verursacht und am Ende des Tages doch nur Lethargie hinterlässt. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann es begann; aber mittlerweile geht es um so viel mehr als nur um ein bisschen wütend sein – über sein Leben und die Chancen, die es bisher bot oder eben nicht bereit stellen wollte.

Ich wurde mit gesundem Menschenverstand großgezogen, lernte jedoch in den schmierigsten Konzertclubs dieses Landes weitaus mehr über Versagen und Menschlichkeit. Irgendwo dort – zwischen melodischen Gitarrensoli größerer und kleinerer Punk-Rock Bands, sympathischen Zwischensongansagen die noch nicht auswendig gelernt waren und dem ein oder anderen Kaltgetränk. Damals, als ich nur eine winzig limitierte Anzahl an Konzerten pro Jahr besuchen durfte und die offiziellen „Verabredungen“ mit Freunden zu eben weiteren Showausflügen führten, hätte ich niemals daran gedacht, dass dieses aktuelle Befinden für mich jemals möglich sein würde.

Ich war jung, begeisterungsfähig und besaß einen halbwegs stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn; hatte den Glauben an das letzte Bisschen Menschlichkeit in jedem von uns noch nicht verloren und machte das von Bandmitgliedern verkündete „be excellent to each other“ zu einem grundlegenden Lebensprinzip. Trotz Bewusstsein für politische und soziale Prozesse und der mit ihnen verbundenen zähen Dauer im Zusammenhang mit Veränderungen, schien vor fast zehn Jahren kaum ein Prozess zu langwierig und unmöglich, um ihn nicht mit vereinten Kräften umzukehren oder dagegen anzugehen.

„And it kills me to think that growing up means throwing the fight.“

In den letzten Jahren wurde diese Art von Idealismus zunehmend durch tagtägliche Nachrichten von den Schlachtfeldern dieser Welt, Geschehnissen aus privaten Sphären sowie der bohrenden Frage nach der Sinnhaftigkeit aktuellen Handels untergraben.

Ich war gerne auf diesen Konzerten unterwegs; habe noch lieber mit begeisterten Persönlichkeiten auf diesen gearbeitet – und doch nahm meine Teilnahme an eben jenen über die letzten Jahre hinweg kontinuierlich ab. Korrelation hin oder her: Die Zweifel am eigenen Handeln und seiner Korrektheit stieg; die Wut auf ein System, das sich über die Jahre bis einschließlich heute nur durch die Dauer seiner Existenz zu legitimieren scheint, wuchs. Wie kann etwas, von dem nur so wenige profitieren, das Beste für alle bzw. eine Mehrheit sein? Wer ist diese Mehrheit?

Lang lebe die Demokratie! Aber wird diese überhaupt noch so lange leben, wenn sie heute als Plattform für Grundsätze gegen jede Menschlichkeit fungiert? Und während man seinen Blick über politische und soziale Schlachtfelder schweifen lassen kann, sich der Großteil von uns dem Fortschritt und Problemlösungen munter verweigert, schippern seit Tagen >600 Flüchtlinge über das Mittelmeer und werden mit bestem Gewissen und allen verfügbaren Mitteln auf einem Rettungsboot festgehalten, damit sie ja keinen Fuß zu viel auf diesen europäisch-vereinnahmten Kontinent setzen. Trotz Notlage, trotz Ressourcenknappheit – trotz versicherter Menschlichkeit und beteuerter Solidarität.

Liebes Tagebuch, ich bin wütend und müde.
Die aktuellen Geschehnisse über die in den Nachrichten berichtet wird, sind nicht die einzigen, die mir schwer im Magen liegen. Gleichsam bedeutend sind die Ereignisse, die keine oder kaum mehr Beachtung im öffentlichen Raum finden. Das bloße Zugucken muss aufhören, denn offensichtlich wird kaum etwas von allein oder durch Abwarten und Nichtstun besser.

Mein eigenes Zugucken muss aufhören, wenn ich Veränderungen und Fortschritt sehen möchte. Vielleicht mangelt es mir aktuell am Idealismus vergangener Zeiten, vielleicht fehlen mir einfach nur die Punk-Rock Shows mit guten Menschen, Freunden und Geselligkeit; diese Abende, an denen der Glaube an die Menschlichkeit und die Möglichkeit der Veränderung von Prozessen noch so viel machbarer als heute schien.

Es gibt viel zu tun. Weitaus mehr, als nur die Sandburg eines verschanzten Gegners zu zertreten.
Aber ich glaube fest daran, dass es dort draußen auf den Straßen und in den Konzertclubs dieser Welt genügend Potential für Veränderung gibt.

Anmerkung: Songzitat: „Bright Lights“ / Band: Paper Arms / Album: „The Smoke Will Clear“; Bildquelle: Unsplash.com – https://unsplash.com/photos/6liebVeAfrY

Katharina

Punk-Rock ruined her life! Verließ nach dem Studium fluchtartig die westfälische Provinz, um in der Welt von Glanz & Gloria hinter der Kamera am Rad zu drehen. In der Freizeit zieht sie zwecks Muskelaufbau des Öfteren um oder mit dem Rennrad umher; Endziel: Sternburg-Äquator. Schreibt hier für die Jugend vor allem über Politik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.