Wenn alternative Fakten salonfähig werden

Als im letzten Jahr der Ausdruck der „alternativen Fakten“ aufkam, erhielten Lügen ein neues Gewand, der Populismus eine neue Chance, Unwahrheiten zu kaschieren. Zeit über die Wirkmächtigkeit von Sprache und ihre Möglichkeit, Realität zu konstruieren, nachzudenken.

Jedes Jahr wird von einer unabhängigen Jury das „Unwort des Jahres“ gewählt, ein kritikwürdiger Ausdruck des öffentlichen Kontextes. Zum Unwort 2017 wurden die „alternative Fakten“ erkoren. Durch diesen Ausdruck würden laut der Jury „Falschbehauptungen salonfähig gemacht und mit Tatsachenbehauptungen auf eine Stufe gehoben“. Dieser Kritik an der sprachlichen Verwendung schließt sich ein ganzer Diskussionsraum über den Wert von Wahrheit in der heutigen Gesellschaft an.

Betrachtet man zunächst einmal die Semantik der beiden Wörter, offenbart sich leicht: Fakten erlauben keine Alternativen, das ist ein Widerspruch. Entweder sie stimmen oder eben nicht. Entweder der Baum ist durch Sturm Friederike umgefallen oder nicht. Dachte man zumindest. Heute scheint es in Zeiten eines sich verstärkenden Populismus auch möglich zu sein, Fakten nicht mehr so genau darzulegen, einzuordnen und vor allem zu beweisen. Die plakative Erklärung, man habe „alternative facts“ dargelegt, reicht vielen, die die Wahrheit nicht glauben wollen.

Ursprung im Trump-Umfeld

Verwendet wurde der viel zitierte Ausdruck von Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway in einer NBC-Nachrichten-Sendung als Reaktion auf die Debatte um die Zuschauerzahlen bei Trumps Vereidigung zum Präsidenten der USA. Dessen ehemaliger Pressesprecher Sean Spicer beschwor im Anschluss, die Vereidigung habe „Die größte Zuschauerzahl, die jemals einer Amtseinführung beigewohnt hat“ erzielt. Die Fotos bewiesen allerdings etwas anderes: Bei der Amtseinführung von Barack Obama im Jahr 2009 waren deutlich mehr Menschen auf dem Platz vor dem Kapitol in Washington D.C. anwesend als bei der Trumps. Das wurde auch von den Medien erkannt und nachgewiesen. Einer, der sich den Superlativ zu eigen gemacht hat, konnte das natürlich nicht hinnehmen. Daher setzte Trump seine Beraterin Conway ein, um sich und seine Anhänger gegen die Medien, die ja sowieso nur Fake News verbreiten würden, zu verteidigen. Die haute dann den viel zitierten Satz raus: „Sie sagen, dass es eine falsche Behauptung sei und Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat alternative Fakten dazu vorgelegt.“ Darauf muss man erst einmal kommen…

Das war die vorläufige Krönung einer Reihe von unglaublichen Aktionen und Aussagen von Trump und seinen Anhängern. Sein Motto scheint zu sein „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, ganz nach seinem Vorbild Pippi Langstrumpf. Nur war die ein kleines Mädchen und Fiktion. Der Mann mit dem Toupé und Selbstbräuner-Overload ist allerdings der mächtigste Mann der Welt. Und als dieser möchte er eben auch bestimmen, was Fakten sind und was nicht. Natürlich ist Realität in gewisser Weise konstruiert und jeder nimmt sie subjektiv wahr. Vor langer Zeit einigte man sich allerdings darauf, einiges messbar zu machen, wie zum Beispiel durch Zahlen. Und erkennt man die Gesellschaft an, teilt man diese Maßstäbe.

Die Wahrheit fühlt sich nicht mehr richtig an

Aber genau das scheint das Problem zu sein. Viele Menschen sind mit der Gesellschaft, wie sie ist, nicht mehr zufrieden und demnach auch nicht mit den Fakten, die sie hervorbringt. Da sind dann eben mal alle Einwanderer kriminell, Muslime gefährlich und die Arbeitslosen alle Lungerer. Weil der Populismus erlaubt, das auszusprechen. Und das wird man in der heutigen Gesellschaft ja wohl noch sagen dürfen – so lassen all diejenigen verlauten. Auch wenn die Fakten, Zahlen und Daten, die nicht vom Himmel gefallen sind, sondern auf die Menschen sich verständigt haben, anderes beweisen. Aber wenn die da oben solche Fakten sagen, kann man das ja eh nicht mehr glauben. Und der Presse sowieso nicht.

Also entwirft man eigene Fakten mit Alternativen, die sich für einen richtig anfühlen. Das ist ein bequemer Weg, sich die Welt schlechtzureden, Populismus salonfähig zu machen und wenn man schon mal dabei ist, auch ein bisschen zu hetzen. Ist ja auch viel leichter, als Zusammenhänge richtig zu verstehen, einzuordnen und sich zu informieren. Es ist leichter zu pauschalisieren und sich in Alternativen zu flüchten als der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und die besagt nun einmal: Trumps Vereidigung wollten leider weniger Leute sehen als er gerne gehabt hätte. Vielleicht, weil es doch noch ein paar Hoffnungsträger gibt, die sich nicht von plakativen Aussagen, Beleidigungen und Hetze ködern lassen. Die Fake News auf den Grund gehen wollen und nicht alles glauben, was sie hören. Menschen, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen.

Linda

Hat sich von der Universität Münster zur Junggesellin der Künste ausbilden lassen. Sie liebt daher die Kultur, geht aber auch gerne politischen Sachverhalten auf den Grund und schreibt darüber. Das Wichtigste: stets den eigenen Horizont erweitern!

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